Faschismus im Fernsehen

Über eine Geschichtsklitterung der besonderen Art berichtet das Internetportal german-foreign-policy.com – Es geht um den ZDF-Geschichtsreißer „Wilhelm Gustloff“, ausgestrahlt am 2. und 3. März.
Die „Gustloff“ war ein Ausflugsdampfer der NS-Freizeitorganisation „Kraft durch Freude“, die 1945 als Flüchtlingstransporter diente und nach einem Treffer durch ein russisches U-Boot mit über 9000 Menschen an Bord versank.
Benannt wurde der Dampfer nach einem „Märtyrer der Bewegung“ der in der Schweiz über 5000 Mitglieder für die Nazis warb, bis er 1936 in Davos von einem jüdischen Studenten ermordet wurde. Den Nazis diente dieser Fall als willkommene Propaganda.

Helden in Uniform – Standbild aus dem ZDF-Drama „Wilhelm Gustloff“
Es ist von daher ganz passend, wenn der Name Wilhelm Gustloff auch heute wieder für eine Täter-Opfer Verdrehung herhalten muss. Ohne auch nur auf die Ursachen von Krieg, Flucht und Vertreibung zu reflektieren, werden 53 Jahre nach Kriegsende die Deutschen im ZDF ganz unbefangen als Opfer des Zweiten Weltkrieges in Szene gesetzt. Das Portal german-foreign-policy.com kommentiert dazu:

Die historischen Stereotype vermischen slawophobe Ressentiments mit antikommunistischen Zerrbildern. So fliehen in dem „Gustloff“-Streifen „Massen von Menschen“ (…), um sich vor dem russischen Heer zu retten“. In dem „russischen Kessel“ laufen die deutschen Verteidiger zu wahrer Größe auf: Eine „(a)ufopfernde Marinehelferin“ in NS-Uniform, die „trotz Schicksalsschlägen stark und menschlich“ bleibt, findet ihre Liebe in einem „Kapitän mit Gewissen“. Beiden stellt sich ein „(i)gnoranter Ortsgruppenleiter“ in den Weg, dem das Leid deutscher Frauen gleichgültig ist: Marianne, „von der Flucht“ vor den heranstürmenden Russen „schwer mitgenommen“, ist „in Sorge um den Vater ihres ungeborenen Kindes, ihren Verlobten Werner, der im Krieg verschollen ist.“ Der Verschollene dürfte ein Wehrmachtssoldat in der Blutspur der NS-Massenverbrechen sein – hier wird er zum unbekannten (und unbescholtenen) Toten.

Zweifelhafter Höhepunkt des Filmdramas ist die Versenkung der „Gustloff“ durch ein russisches U-Boot und damit das Ende der 9.000 TV-Helden. Ihren Tod verursacht zwar der militärische Feind, der eigentlich Schuldige aber ist der „Gustloff“-Funker. Über ihn sagt der TV-Darsteller: „Ich spiele den Verräter, den Mann, der den Russen die Koordinaten durchgibt“. Zwar habe es „(d)iese Figur (…) nicht gegeben“, doch sei ihre Erfindung notwendig gewesen, „damit keine politisch-dramaturgische Schieflage entsteht“.
In welchen Zusämmenhängen der Verräter tätig war, ein in der Geschichtswissenschaft bislang unerkannter Saboteur, erklärt der TV-Berater des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF). Demnach ist der Untergang „von Deutschen“ eingefädelt worden, „die hinter der Front umgedreht wurden. Womöglich vom Nationalkomitee Freies Deutschland, einem Zusammenschluss von deutschen Kriegsgefangenen und kommunistischen Emigranten in der Sowjetunion. ‚Man weiß ja, dass diese Leute mit Fallschirmen abgesetzt wurden. Und eine Uniform konnte sich im Chaos auf dem Schiff jeder anziehen'“, zitiert der Berliner „Tagesspiegel“ den ZDF-Berater, einen früheren Wehrmachtsangehörigen.

Deutsche als Opfer, Antifaschisten als Täter, Nazis als Helden. Dieser Grad von Manipulation, der wohl nur noch als Geschichtsfälschung zu bezeichnen ist, toppt sogar noch Guido Knopp und seine Eskapaden. Aber man soll sich nicht wundern – schließlich ist das ganze direkt im Auftrag der Politik entstanden:

Der Propagandafilm wurde der deutschen Regierungschefin kürzlich in einer „Sondervorführung“ dargeboten. Anwesend waren auch der der deutsche Kulturstaatsminister, mehrere Bundestagsabgeordnete sowie die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV). Die Darstellung sei ihr „sehr nahe gegangen“, sagte die BdV-Vorsitzende Erika Steinbach und fügte doppeldeutig hinzu: „Jedes Land muss seine eigenen Schicksale auch (!) aufarbeiten“. Wie Frau Steinbach offenbarte, ist die Zehn-Millionen-Produktion des ZDF auf Anregung der CDU-Parteiführung entstanden. „Treibende Kraft“ sei der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende im Deutschen Bundestag, Volker Kauder, gewesen. Der CDU-Parlamentarier bestätigt, er habe den Regisseur „auf die Idee angestoßen (…), einmal etwas über Flucht und Vertreibung zu machen.“ Für diesen Einsatz erhält Kauder in der kommenden Woche eine Medaille des BdV.


Alles Opfer? – Die ebenfalls nach Wilhelm Gustloff benannte Stiftung war einer der größten Rüstungsproduzenten Mitteldeutschlands und betrieb eine Waffenfabrik im KZ Buchenwald.
Was fällt einem dazu noch ein? Offensichtlich bringt Faschismus im Abendprogramm bessere Quoten als Antifaschismus. Und mit der Gustloff geht dann wohl auch das letzte Restchen Bildungsauftrag im Staatsfernsehen baden. Da massenhafter Widerstand gegen solche Umtriebe nicht zu erwarten ist, hoffen wir auf eine baldige Privatisierung des ZDF – dann müssen wir solchen Dreck wenigstens nicht auch noch mit unseren Gebühren finanzieren.

2 Gedanken zu „Faschismus im Fernsehen

  1. Jaja, immer der gleiche Scheiß. Hab mal in ner Hausarbeit den (auch ZDF-) Streifen „Dresden“ nach Täter-Opfer-Geschichten untersucht. Dort findet man ähnliches, wie es hier beschrieben wird. Es nervt, man muss die Leute, die sowas machen, mehr mit ihrem Mist konfrontieren. Irgendwann wird auch dieser neue Stauffenberg-Film Premiere haben, bestimmt in Berlin…

  2. Ich verstehe das nicht ganz mit der Täter-Opfer Verdrehung. An Bord der Gustloff starben doch Flüchtlinge. Und selbst wenn es Soldaten gewesen wären, wären sie doch Opfer gewesen. Genauso wie die auf dem russischen U-Boot, falls man es versenkt hätte, oder?
    Stalins Armee ist zu keinem Zeitpunkt als Befreier gekommen. So wie 1939 ein Teil Polens besetzt wurde sollte ja die Rote Armee halb Europa besetzen und über 40 Jahre bleiben. Wenn also in diesem Krieg Soldaten die Seiten gewechselt haben (von Hitler zu Stalin), hat es sie dann „besser“ gemacht? Oder schlechter?
    Und geflüchtet wurde aus guten Gründen. Es hieß die Rote Armee würde nicht zimperlich mit der Zivilbevölkerung umgehen. Wobei meine Oma mir persönlich berichtete, dass „sie nie dem Polen oder dem Tschechen verzeihen würde, aber der Russe wäre in Ordnung“.

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